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Europa hat seine Auswanderungsvergangenheit vergessen, so der EU-Kulturbotschafter Mankell

TERESA KÜCHLER

06.02.2008 @ 10:44 CET

EUOBSERVER / BRÜSSEL – Jeden Tag legen Tausende von Afrikanern ihr Schicksal in die Hände von skrupellosen Menschenhändlern, um – zusammengepfercht auf unsicheren Fischerbooten - den Weg nach Europa zu wagen. Die Leichen ertrunkener Bootsflüchtlinge werden regelmäßig an Europas Küsten angespült. Ist dies ein menschenwürdiges Europa, fragt der preisgekrönte schwedische Autor Henning Mankell.

"Die offensichtliche Antwort ist: Nein, das ist es nicht", so der Kriminalgeschichtenautor und Theaterdirektor, der im „Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs" seit der offiziellen Eröffnung durch die Europäische Kommission im Januar auch als Goodwill-Botschafter für Europa unterwegs ist.

Von seinem Zweitwohnsitz in Maputo in Mozambique aus erklärt Mankell gegenüber EUobserver, er wolle seine Popularität als international anerkannter Autor nutzen, um sich für eine humane europäische Asyl- und Migrationspolitik einzusetzen.

"Ich möchte die Stimme all derer sein, die versuchen, nach Europa zu kommen – nicht nur ein allgemeiner Goodwill-Botschafter, sondern ein regelrechter Anwalt auf Seiten der Migranten."

Als die Anfrage von der Kommission kam, ob er das Programm repräsentieren wolle, habe er nicht gezögert, sagt Mankell. Dies mag sein schwedisches Publikum verwundern, welches sich noch daran erinnert, wie sehr sich Mankell vor dem EU-Beitrittsreferendum der skandinavischen Länder in 1994 der europäischen Idee widersetzt hat.

Mankells Befürchtungen damals richteten sich gegen eine "Festung Europa", einen Super-Staat, der sich mit hohen Zäunen gegen den Rest der Welt abschottet.

"Es ist kein Geheimnis, dass ich aktiv und aus verschiedenen Gründen gegen die EU-Mitgliedschaft Front gemacht habe. Aber die Entwicklung ist nun einmal in diese Richtung gegangen. Nun sind wir EU-Mitglieder und müssen das Beste aus dieser Zugehörigkeit machen," erklärt er.

Eine Brücke über unruhiges Wasser

Über die Jahre ist der Autor einer Idee treu geblieben: Europa solle in seinen Augen eine Brücke über die Straße von Gibraltar errichten und finanzieren, die den "alten" Kontinent mit Afrika verbindet.

Die Reaktionen auf diese Idee seien gemischt, so Mankell. Die radikale Linke hat ihn unterstützt, während die meisten Entscheidungsträger sich in ein „riesiges, gähnendes Schweigen" gehüllt hätten.

Brüssel hat sich kürzlich daran gemacht, seine Beziehungen zu Afrika neu zu definieren. Dabei hat Europa erkannt, dass es Zeit ist für eine Politik mit Afrika anstatt einer Politik für Afrika. Europa ist Afrikas größter Handelspartner und der Hauptinvestor auf dem Kontinent.

Aber die EU fordert von den afrikanischen Staaten auch mehr Einsatz im Kampf gegen die illegale Einwanderung. Auf Drängen der EU-Mittelmeerstaaten hat Europa im vergangenen Jahr eigene Grenzkontrollen eingeführt, um die von Afrika kommenden Einwanderungsströme abzuhalten.

Mankell zeigt sich besorgt über Europas verschärften Ton gegen Immigranten und bezeichnet das Herangehen der EU an Themen wie Migration und Asyl als „schwachen Punkt und offene Akte".

"Die Europäer heutzutage haben ein sehr kurzes Gedächtnis. Erinnern wir uns daran, dass vor etwa hundert Jahren Tausende von Europäern ihre Länder verließen, um in den USA oder Australien ihr Glück zu versuchen. Und dort wurden sie überall gebührend empfangen."

"Die europäische Geschichte ist von Auswanderung, Einwanderung und großen Migrationsströmen gekennzeichnet," fügt er hinzu.

"Das Schrecklichste ist, dass wir gegen jede Logik argumentieren. Sehen wir uns doch einmal die demographische Situation in Europa an! Europa braucht einen steten Zuwanderungsstrom, um in der Zukunft lebensfähig zu bleiben," so der Autor.

Henning Mankell hat 37 Bücher geschrieben. Am bekanntesten sind seine Geschichten um den Polizeiinspektor Kurt Wallander, die bald in Hollywood verfilmt werden sollen.

Der Autor ist Inhaber zahlloser Literaturpreise, darunter der Gold Dagger, der Deutsche Jugendliteraturpreis und der Toleranzpreis der Evangelischen Akademie Tutzing. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist er künstlerischer Leiter des Teatro Avenida in Maputo, Mozambique und engagiert sich in Afrika für den Kampf gegen HIV/Aids.

Europe has forgotten its emigration past, says EU cultural ambassador